Mit Bestürzung haben wir vom Tod von Dr. Gerhard Liebig erfahren. Herr Liebig war ein „Urgestein“ an der Landesanstalt für Bienenkunde an der Universität Stuttgart Hohenheim.
Er war weit über die Grenzen hinaus in Deutschland bekannt. Von 1976 bis zum Jahr 2011 war er Mitarbeiter an der LAB für Bienenkunde an der Universität Hohenheim. Während dieser Zeit hat er an verschiedenen Projekten gearbeitet. Über Jahrzehnte hinweg hat Dr. Gerhard Liebig die Bienenkunde maßgeblich beeinflusst. Sein Leitspruch „wer beobachtet, misst und zählt, weiß Bescheid“, war die Triebfeder für sein wissenschaftliches Handeln. Begonnen hat er mit dem Studium der wichtigsten einheimischen Honigtauerzeuger auf der Fichte und Weißtanne. Durch seine akribischen, langjährigen Aufzeichnungen bezüglich der Populationsentwicklung der Honigtauerzeuger hat er versucht, eine Trachtvorhersage für diese wichtigen Honigtaulieferanten zu erarbeiten. 1987 gründete er den Trachtmeldedienst, den er bis 2010 ausgebaut und erfolgreich fortgeführt hat. Inzwischen ist der Trachtmeldedienst in Baden-Württemberg zu einer festen Größe geworden und dient allen Imkerinnen und Imkern als wichtige Informationsquelle für die erfolgreiche Nutzung einer Waldtracht. Seine Waldtrachtprognosen waren bei vielen Frühjahrsveranstaltungen oft das imkerliche Highlight, auch wenn die Prognosen nicht immer wie erhofft, eingetreten sind. Im Jahr 1985 gründete Dr. Liebig das Referentensystem des LVWI mit dem Fokus der gezielten Aus- und Weiterbildung der aktiven Imker und Imkerinnen. Es handelt sich dabei um speziell geschulte Referenten und Referentinnen, die in Vorträgen, Seminaren und Kursen ihr theoretisches und praktisches Wissen an die Imkerschaft weitergeben.
Im Verlauf seines Berufslebens hat sich Dr. Liebig vielen aktuellen und praxisrelevanten Fragen und Problemen der Imkerei gewidmet. Mehrere Schwerpunkte kennzeichnen seine Tätigkeit an der LAB: Die Varroaproblematik, die Populationsdynamik von Bienenvölkern sowie die imkerliche Betriebsweise in Verbindung mit der Verbreitung der Hohenheimer Einfachbeute. Für seine zahlenbasierten, detaillierten Untersuchungen hinsichtlich der Entwicklung von Bienenvölkern verwendete er die bereits bestehende „Liebefelder Schätzmethode“, eine Methode, die auch heute noch bei vielen wissenschaftlichen Studien Anwendung findet.
In den späten 80er Jahren wurde die bestehende Hohenheimer Wanderbeute durch eine Einfachbeute ersetzt. Diese Beute wurde von Dr. Sachs als Hohenheimer Einfachbeute entwickelt und später nach dessen Tod durch Gerhard Liebig in der Imkerschaft weit verbreitet. Heute wird diese Beute fälschlicherweise auch als „Liebigbeute“ im Handel angeboten.
Gerhard Liebig war ein Schaffer! Seine unzähligen Vorträge in der Imkerschaft, seine zahlreichen Veröffentlichungen und sein Standardwerk „Einfach imkern“ haben in großem Stil dazu beigetragen, viele interessierte Imkerinnen und Imker zur Bienenhaltung zu inspirieren.
Liebig war nicht immer einfach! Seine Ansichten waren gelegentlich konträr und nicht immer konform mit denen von alteingesessenen Imkern und erfahrenen Wissenschaftlern. Er ist keinen Diskussionen ausgewichen, weder im praktischen, noch im wissenschaftlichen Bereich. Dies hat ihm gegenüber bei vielen Imkern, zu einer ambivalenten Haltung geführt.
Doch Liebig konnte damit umgehen, da seine gesamte Hingabe den Bienen galt. Sein Vermächtnis liegt nicht nur in seinen Daten und Werken, es liegt vor allem in seiner Haltung die er als Imker und Wissenschaftler gelebt hat: genau hinschauen, beobachten, die Entwicklung eines Volkes dokumentieren, das einzelne Individuum als Teil des Ganzen respektieren und verstehen und daraus verantwortbare und nachvollziehbare Entscheidungen ableiten.
Der Landesverband der Württembergischen Imker e.V. verliert mit Dr. Gerhard Liebig einen geschätzten Experten, dessen Wirken weit über unsere Verbandsgrenzen hinausstrahlte. Persönlich konnte ich Ihn während seiner gesamten Arbeitszeit an der LAB begleiten.
Wir werden ihm ein ehrendes Andenken bewahren.
Landesverband der Württembergischen Imker e.V.
Dr. Dr. Helmut Horn
(Präsident)
